Ausstellung KABINETT MALIK – 100 Jahre Malik Verlag

 

´Schön ist die Jugend` steht auf der Karte. Dazu ein Sinnspruch für das abgebildete Paar, ein fescher Kavallerist und seine Angebetete. Die Karte ist eine Feldpostkarte, geschrieben Ende 1916/Anfang 1917 an der Westfront. Der Krieg ist im 4. Jahr. Da liegt der nicht mehr so adrette Soldat im Matsch irgendwo in Frankreich oder Belgien im Stellungskrieg. Als die Karte ihre Adressaten erreicht, ist der Verfasser der Zeilen entweder tot oder es fehlen ihm Gliedmaßen oder Gas hat ihn innerlich und äußerlich verätzt oder er liegt mit hunderten anderen in einem Lazarett. An der Heimatfront werben Jungen für die Zeichnung der neuesten kriegsverkürzenden Anleihe, Frauen stanzen Ringe für Granaten und stehen nach Nahrungsersatzstoffen im Kohlrübenwinter an.

 

Zum selben Zeitpunkt beschließen in Berlin-Halensee der 20-jährige Wieland Herzfeld(e) und sein fünf Jahre älterer Bruder Helmut (später John Heartfield) gemeinsam mit dem 23 Jahre alten, künstlerisch provozierenden Georg Groß (oder auch schon Grosz) die Herausgabe von Texten und Zeichnungen gegen diesen Krieg. Listig umgehen sie das Gründungsverbot neuer Verlage und erwerben gegen 200 RM einen bestehenden. Das Objekt ihres Interesses: die Zeitschrift `Neue Jugend`. Sie verfügen über keine Erfahrung, kein Kapital und nicht mal über eine Schreibmaschine. Im Cafe des Westens am Kudamm finden sie gleichgesinnte Autoren und Künstler. So erscheinen erste eigene Ausgaben unter altem Namen.

 

Am 1. März 1917 wird der Verlag unter seinem neuen Namen `Malik Verlag` registriert. Wieder hilft eine List. Der namensgebende Rebell des gleichnamigen Romans von Else Lasker-Schüler, die schon vor 1914 zum Künstlerkreis des auch Cafe Größenwahn genannten Treffpunkts gehörte, wird zu einem mit Deutschland verbündeten türkischen Prinzen erhoben und sichert so die Eintragung.

 

Was bis 1933 folgt sind 266 Publikationen von Büchern, Zeitschriften, Grafikmappen und Katalogen. Herzfelde wird zum Verleger des produktivsten, unabhängigen, linken Verlags. Sein Bruder Helmut/John gestaltet Umschläge und Typografie. Grosz publiziert immer wieder Mappen und Bücher. Am Anfang noch DADA, erscheinen die Werke von Gorki, Babel, Block, Fedin und Ehrenburg erstmalig auf deutsch. Upton Sinclair, Ameringer, Andersen Nexö finden über Malik ihre Leser in Deutschland. Dazwischen Graf, Becher, Wittfogel, Mühsam, Hoelz, Weißkopf, Wedding u.a.. Eine geschickte Publikationsstrategie ermöglicht preisgünstigen Verkauf und hohe Auflagen.

 

1933 setzen die Nazis dem Verlag ein Ende. Die Malik-Bücher verschwinden aus den Buchhandlungen, Bibliotheken und der Auslieferung. Sie werden Opfer der Flammen von Bücherverbrennungen. Herzfelde/Heartfield entkommen ihren Häschern nach Prag. Grosz ist schon in den USA. Umgehend wird in Prag die Produktion fortgesetzt. Die Zeitschrift `Neue Deutsche Blätter` erscheint. Brecht, Scholochow u.a. kommen als Autoren hinzu. 1938 ist auch hier, mit dem Einmarsch der Deutschen ins Sudetenland, Schluss.

 

Die Wege der Brüder trennen sich. Herzfelde kann über London in die USA emigrieren. Erst 1943 gelingt ihm mit Unterstützung von Feuchtwanger, Brecht, Bloch, Bruckner, Döblin, Graf, Viertel, Weißkopf und H. Mann die Gründung des Aurora Verlages, der bis 1947 Bücher des Exils herausbringt. Heartfield muss in London zurückbleiben.

 

1949 kehrt Herzfelde nach Deutschland zurück. Er erhält eine Professur in Leipzig. Heartfield folgt ihm 1950 ebenfalls nach Leipzig. Von dort kehren sie 1956 an den Ausgangspunkt ihrer verlegerischen Tätigkeit nach Berlin zurück.

 

Das Münzenbergforum Berlin zeigt in Zusammenarbeit mit `neues deutschland` vom 03.04. bis 28.05.2017 in der Kunstkantine des FMP1 die Ausstellung `Kabinett Malik/100 Jahre Malik Verlag` mit 300 Büchern, Grafiken und Briefen aus der Zeit zwischen 1917 und 1938. Dazu zählen die von der angegriffenen Reichswehr, Justiz oder Kirche wütend bekämpften und letztlich immer wieder verbotenen Zeitschriften `Der Gegner`, `Die Pleite` und die Mappe `Hintergrund` von Grosz für die Piscator-Inszenierung ´Der brave Soldat Schwejk` im Jahr 1927. Diese löst den längsten Prozess zur Freiheit der Kunst in der Weimarer Republik aus.

 

Begleitet wird die Ausstellung wie ihre Vorgängerin `Montage_16/eine Heartfield-Grosz-Ausstellung` vom November letzten Jahres von Münzenberg Lektionen zur Geschichte des Verlages, zur Freiheit der Kunst und zur Lage kleiner Verlage heute. Den Höhepunkt bildet eine Lesung aus Veröffentlichungen des Malik Verlages am 10.05.2017, dem 84. Jahrestag der Bücherverbrennung.

Weitere Info unter www.heartfield-grosz.berlin

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