DIE MÜNZENBERG LEKTIONEN: Über den Vater

Irina Liebmann stellt sich den Fragen es Publikums. Foto: nd/Camay Sungu

Die Aufzeichnung der Veranstaltung können Sie hier abrufen.

Die Schriftstellerin Irina Liebmann las im Rahmen der Münzenberg Lektionen aus ihrem Buch »Wäre es schön? Es wäre schön! Mein Vater Rudolf Herrnstadt«. Biografien, geschrieben von Kindern über eines ihrer beiden Elternteile, neigen häufig dazu, den Blick auf das Wesentliche zu verlieren, noch dazu wenn der Porträtierte einen durch sein bewegtes Leben beinahe zu erdrücken versucht. Irina Liebmann mag bei ihren Recherchen und beim Schreiben ihres Buches „Wäre es schön? Es wäre schön!“ der glückliche Umstand geholfen haben, dass sie sich selbst nicht hinter dem schimmernden Glanz ihres Vaters Rudolf Herrnstadt verstecken muss, zählt die 1943 in Moskau Geborene, doch auch nach dem Ende der DDR noch immer zu den leider viel zu wenigen erfolgreichen Schriftstellern eines von der Landkarte verschwundenen Staates. Insofern bestand die Gefahr einer Abrechnung mit einem vermeintlichen Übervater von vornherein für Liebmann nicht.

Großes Interesse der Lesung mit Irina Liebmann. Foto: nd/Camay Sungu

Rudolf Herrnstadt Lebensweg und sein damit verbundener Aufstieg und Fall in der Gunst einer vermeintlich sozialistischen Elite lässt sich grob mit fünf kurzen Wortfetzen beschreiben: Jude, überzeugter Kommunist, Opfer des Naziterrors, Chefredakteur und am Ende seines Lebens abgeschobener Archivar. Derjenige, der im doppelten Sinne des Wortes dabei mithelfen wollte, ein neues Deutschland aufzubauen (Herrnstadt war von 1949 bis 1953 nd-Chefredakteur) um schließlich von DDR-Oberen abgeschoben zu werden, weil er es wagte, sich gegen Ulbricht zu stellen und damit spätestens nach den Ereignissen 17. Juni 1953 fast zwangsläufig scheitern musste, da im ZK zu Trotzkisten abgestempelt wurde. 1954 wird er aus der SED geworfen und buchstäblich nach Merseburg abgeschoben. Jener Rudolf Herrnstadt, der 1945 zunächst als Mitglied der Gruppe Ulbricht vorgesehen war und dann doch nicht mitreisen sollte, weil er schlicht und ergreifend Jude war. All das schrieb Irina Liebmann auf 416 Buchseiten nieder, facettenreich, unterhaltsam, ohne den eigenen Vater für seine Ansichten und Handeln zu verurteilen oder zu verklären. Zu Recht bekam Liebmann für die Biografie 2008 den Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie  „Sachbuch/Essayistik“ verliehen. (Text: Robert D. Meyer Fotos:)

 

Irina Liebmann: Wäre es schön? Es wäre schön! – Mein Vater Rudolf Herrnstadt, Berlin Verlag, Berlin 2008, 416 Seiten, 19,90 Euro

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