Lesung: Ostpolitiker mit Migrations-hintergrund

Autobiografische Bücher von Politikern kranken oft an dem gleichen Phänomen: Die Selbstdarstellung gerinnt zur Überhöhung der eigenen Person. Man denke dabei nur an den steinbrückschen Lehrerton. Jan Korte ging mit seinem Buch „Geh doch rüber!“ einen anderen Weg. Im Münzenbergsaal las der LINKEN-Abgeordnete nun vor vollem Haus. Im Gepäck hatte er Alltagserlebnisse und einen guten Bekannten.„Geh doch rüber!“ ist eine Phrase, die insbesondere Linke aus dem Westen seit Jahrzehnten um die Ohren gehauen wird, wenn sie allzu lautstark an den Verhältnissen in der BRD herumkritisieren. Das war zu finstersten Ost-West-Zeiten so und wird es auch 22 Jahre nach der Einheit wohl noch eine ganze Weile bleiben. Jan Korte nahm die Aufforderung allerdings wörtlich und zog 2005 von

Jan Korte liest aus seinem Buch „Geh doch rüber“. Gregor Gysi befragte ihn zu seiner Biografie. Foto: Robert D. Meyer

Niedersachsen nach Sachsen-Anhalt. Ganz uneigennützig war dieser Schritt nicht. Korte hatte in Hannover einen der aktivsten damaligen PDS-Ortsverbände mitgestaltet, zuletzt als Kreisvorsitzender der Linkspartei.PDS Hannover. Doch egal wie engagiert er sich einbrachte, zumindest zur damaligen Zeit waren die Wachstumsaussichten der Partei in Westdeutschland eher begrenzter Natur, da der Ostpartei PDS in der Bevölkerung viel Skepsis entgegenschlug. (Anders dagegen nach der Fusion mit der WASG 2007 zur Partei Die LINKE) So war es dann auch der damalige Parteivorsitzende Lothar Bisky, der Korte zu diesem Schritt ermunterte. Jan ging rüber nach Bitterfeld und holte 2009 sogar ein Direktmandat für die LINKE. Spätestens zu diesem Zeitpunkt kam der Wessi im Osten an.

Buchcover „Geh doch rüber! von Jan Korte

Der Weg bis dahin war jedoch besonders im Alltag voller Stolpersteine, wie Korte im Gespräch mit seinem inzwischen langjährigen Parteifreund Gregor Gysi im Münzenbergsaal am Franz-Mehring-Platz 1 verriet. Was im Westen durchaus üblich, kann im Osten vollkommen verpönt sein. Was im Osten als gute Kinderstube gilt, entpuppt sich im Westen wiederum schnell als treffsicheres Fettnäpfchen. In den Altbundesländern seinen Freunden zur Begrüßung die Hand schütteln? Als Korte dies bei einem Besuch in einer Hannoveraner Kneipe wagte, wunderten sich so manche Genossen, weshalb der Herr Bundestagsabgeordnete auf einmal so staatstragend daher käme. Eine nette Geste im Osten verwandelte sich so zur autoritären Amtshandlung im Westen.

Seine im niedersächsischen Politgeschäft erlernte scharfe Diskussionsführung musste Jan Korte im Osten dagegen lernen zu zügeln. Während man dem politischen Gegner im Westen stets in Grund und Boden argumentierte, steht laut Beobachtungen Kortes in den neuen Bundesländern eher die Kompromissfindung im Mittelpunkt. Grautöne zwischen beiden Extremen gäbe es inzwischen allerdings, erklärte der 35-Jährige. Einstige Unterschiede im Alltagsverhalten lösten sich langsam auf und durchmischten sich immer mehr. Eine Feststellung, die man drüben wie hier sicher teilt.

Das Buch gibt es im nd-shop zu bestellen! (Text und Bilder: Robert D. Meyer)

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