Hermann-Henselmann-Stiftung: James Hobrecht: Späte Ehrung eines Visionärs

Karte des Hobrecht-Plans von 1862. Sein offizieller Titel lautet etwas umständlicher: „Bebauungsplan der Umgebungen Berlins“. Foto: Zentral- und Landesbibliothek Berlin

James Hobrecht würde das Berlin des Jahres 2012 nicht wieder erkennen und dies nicht nur aufgrund der sich in den letzten 150 Jahren inflationär ausbreitenden Einkaufstempel.  Der Architekt und Stadtplaner ist im positivsten Sinne maßgeblich für das heutige Stadtbild mitverantwortlich. Zum Hauptverantwortlichem für die Entstehung des  ‚Steinernen Berlins‘,  ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, erklärten ihn dagegen für lange Zeit viele Experten, darunter Stadtplaner wie Werner Hegemann. Dunkle, zugebaute Mietskaserneninnenhöfe, überfüllt mit Menschenmassen, die auf engsten Raum unter heute kaum noch vorstellbaren Bedingungen ihren kläglichen Alltag fristeten. Alles die Schuld eines Einzelnen? Erst 150 Jahre nach Verfassung des Hobrecht-Plans scheint es in dieser Frage einen Paradigmenwechsel zu geben. Betrachtet man die Rahmenbedingungen, unter denen Hobrecht arbeitete, dann sind die städtebaulichen Folgen seiner Planungen ganz neu zu bewerten. Mitte des vorletzten Jahrhunderts steht Berlin am Rand eines zivilisatorischen Kollaps: Mehr als eine halbe Million Menschen bevölkern die dicht besiedelte Stadt. Heutige Bezirke wie Charlottenburg und Lichtenberg zählen noch nicht dazu – sie bilden eigenständige Ortschaften vor den Toren des alten Berlins, das vom Brandenburger Tor bis zur Oberbaumbrücke reicht. Eine Kanalisation gilt damals – im Gegensatz zu anderen europäischen Metropolen wie Paris – noch als Fremdwort. Stattdessen floss der Unrat den Rinnstein entlang. Krankheiten aufgrund mangelnder Hygiene waren deshalb an der Tagesordnung. Besonders dreckig erging es den Arbeitslosen und Armen. Die Aussichten einer prosperierenden Großstadt in Zeiten der Industrialisierung lockten Tausende von Arbeitssuchenden an. Ärmliche Siedlungen infolge der Landflucht entstanden an den Rändern Berlins. Die meisten Straßen der wachsenden Stadt waren kaum den Ansturm von Menschen und Waren gewachsen.

An dieser Stelle tritt der erst 34-jährige James Hobrecht auf den Plan. Das preußische Innenministerium beauftragte im Jahr 1858 eine Kommission des Königlichen Polizeipräsidiums (Die Polizei verfügt zu dieser Zeit über weit reichende Befugnisse bezüglich der Planung von Infrastruktur- und anderer Bauvorhaben.) mit umfangreichen Planungen, um dem drohenden Städtekollaps entgegenzuwirken. Hobrecht, damals Regierungsbaumeister, wird Vorsitzender der Planungskommission. Seine Pläne, erst vier Jahre später am 18. Juli 1862 offiziell genhemigt, wirken auf den ersten Blick für die damaligen Verhältnisse, trotz der absolut notwendigen städtebaulichen Veränderungen, dennoch eine Dimension zu groß. Hobrecht plante nicht nur den längst überfälligen Bau einer Kanalisation. Seine Straßenplanung wirkt bis heute nach. Er wollte breite Straßen, die sogar noch in Gegenden reichen, wo damals noch Agrarwirtschaft das Landschaftsbild dominierte. Zwei ringförmig angeordnete Straßen sollten das Berliner Stadtgebiet samt Charlottenburg umschließen. Ausfallstraßen sollten den wachsenden Verkehr in die Stadt hinein und wieder hinaus befördern. Diagonalstraßen, innerhalb der zwei „Ringe“, verbanden damals noch unbebaute Bauflächen miteinander. Öffentliche Plätze sollten innerhalb des Stadtgebietes gleichmäßig verteilt entstehen. Anstatt einer Ausrichtung auf einen einzigen Stadtkern, sollten viele kleine Zentren entstehen, die Vorbilder der heutigen Kieze.

Was links und rechts der Straßen entstehen sollte, darüber schwieg sich der Hobrecht-Plan (offizieller Name: Bebauungsplan der Umgebungen Berlins) in weiten Teilen allerdings aus. Fest aber steht:  Hobrecht forderte eine Durchmischung von Arbeit und Wohnen, von ärmeren und reicheren Bevölkerungsschichten.  Dafür sollten Mietskasernen mit Fabriketagen sorgen.

 „In der Mietskaserne gehen die Kinder aus den Kellerwohnungen in die Freischule über denselben Hausflur wie diejenigen des Rats oder Kaufmanns, auf dem Wege nach dem Gymnasium. Schusters Wilhelm aus der Mansarde und die alte bettlägerige Frau Schulz im Hinterhaus, deren Tochter durch Nähen oder Putzarbeiten den notdürftigen Lebensunterhalt besorgt, werden in dem ersten Stock bekannte Persönlichkeiten.“ (James Hobrecht)

8. Hermann-Henselmann-Kolloquium zu Ehren des Hobrecht-Plan im Münzenbergsaal.

Was Hobrecht bei all seinen kühnen Plänen wohl nicht bedachte oder vielleicht unterschätzte, waren die Immobilenspekulanten seiner Zeit. Die blockweise Anordnung der Mietskasernen geschah in einer viel zu engen Bebauung, die von der zuständigen Baupolizei nicht verhindert wurde. Es fehlte schlicht an den notwendigen Vorschriften, auf die Hobrecht aber keinen Einfluss hatte. Insofern waren sein Stadtplanungskonzept vielleicht Anlass, aber nicht Ursache des vom Stadtplaner Werner Hegemann 1930 kritisierten  ‚Steinernen Berlins‘.

Eine größere wissenschaftliche Würdigung hat der Hobrecht-Plan indes bis heute nicht erfahren. Einen Anfang in diese Richtung machte allerdings das 8. Hermann-Henselmann-Kolloquium der gleichnamigen Stiftung Ende Oktober im Münzenbergsaal am Franz-Mehring-Platz. Insbesondere Hobrechts Ansatz der sozialen Durchmischung zeugt von einer besonderen Aktualität, betrachtet man allein den schleichenden Prozess der Verdrängung ärmerer Bevölkerungsteile aus dem Berliner Zentrum in die städtischen Randbezirke. Im Sinne Hobrechts ist diese Entwicklung nicht.

Weiterführende Links zum Thema: Hermann-Henselmann-Stiftung, Biografie James Hobrecht beim Deutschen Historischen Museum, Beitrag des Deutschlandradios zu 150 Jahre Hobrecht-Plan

(Autor: Robert D. Meyer)

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