Ein Zauberkünstler – Erinnerungen an Willi Münzenberg

Nicht Politiker, sondern Propagandist, nicht Theoretiker, sondern Aktivist :Er arbeitete über mehrere Jahre mit Willi Münzenberg zusammen – Erinnerungen an eine politische Freundschaft. Von Arthur Koestler

Programmflyer_Muenzenberg-Kongress-1Mein erstes Zusammentreffen mit Willi Münzenberg machte großen Eindruck auf mich. Ich wurde ihm sehr zugetan – ein Gefühl, das bis zu seiner Ermordung im Jahre 1940 anhielt. Willi war in Thüringen geboren; seine Eltern gehörten der Arbeiterklasse an. In seiner Jugend war er sechs Jahre lang Arbeiter in einer Schuhfabrik. Als ich ihn kennenlernte, war er vierundvierzig – ein nicht sehr großer, vierschrötiger, schwerknochiger Mann mit mächtigen Schultern, der den Eindruck machte, als müsste ein Zusammenstoß mit ihm dem Zusammenprall mit einer Dampfwalze gleichkommen. Sein Gesicht war auf so machtvolle Weise einfach wie ein Holzschnitt, doch dabei immer freundlich. Auch sein breiter, gemütlicher thüringischer Dialekt und seine einfache, geradlinige Art, sich zu geben, milderten den wuchtigen Eindruck seiner Persönlichkeit. Er war ein feuriger, demagogischer und unwiderstehlicher Redner und ein geborener Menschenführer. Obwohl er ohne eine Spur von Pomp und Arroganz war, strahlte er eine solche Autorität aus, dass sozialistische Kabinettsminister, hartgesottene Bankiers und österreichische Erzherzöge, wie ich bezeugen kann, sich in seiner Gegenwart wie Schuljungen benahmen.

Er hatte eine einzige Manieriertheit: um ein Argument in einer Unterhaltung zu betonen, ließ er seine stahlgrauen Augen unter erhobenen Augenbrauen aufleuchten; und obwohl darauf gewöhnlich ein Lächeln folgte, war die Wirkung auf den Gesprächspartner wie die von Blitzen. Seine Mitarbeiter waren ihm ergeben, die weiblichen Genossinnen vergötterten ihn, und sein Privatsekretär – der hochgewachsene, lahmbeinige, immer diskret-unauffällige Hans Schultz – arbeitete oft bis drei oder vier Uhr morgens, um die Gedanken, die ununterbrochen aus Willis fruchtbarem Gehirn sprudelten, in lesbare Form zu fassen.

Denn Willi diktierte nur, was er »Thesen « oder »Leitsätze« nannte; das sah ungefähr so aus: »Schreib an Feuchtwanger. Sag ihm, Artikel erhalten und so weiter. Sag ihm, wir brauchen eine Broschüre von ihm; wir werden zehntausend Exemplare davon nach Deutschland schmuggeln; über die Rettung des kulturellen Erbes und so weiter, Altvater Goethe und so weiter, überlass ihm den Rest, Grüße und Küsse.

Dann, kauf ein Buch über Meteorologie, Hans, studier die Hochs und Tiefs und so weiter, find heraus, wie der Wind über den Rhein bläst, wie viele Flugzettel, Kleinformat, wir an einem Luftballon befestigen
können, in welcher Gegend in Deutschland die Luftballons vermutlich landen werden und so weiter. Dann, Hans, setzt du dich mit ein paar Luftballonfabrikanten in Verbindung. Sag ihnen, es handelt sich um Export nach Venezuela, verlang Kostenvoranschläge für zehntausend Luftballons. Dann, Hans …«
In der Kominternhierarchie hatte Willieine ungewöhnliche Position inne, und zwar aus zwei Gründen.
Erstens war er nicht Politiker, sondern Propagandist, nicht »Theoretiker«, sondern »Aktivist«. Er nahm an den Fraktionskämpfen in der Partei nicht teil, integrierte nicht, und die Streitigkeiten über die Parteilinie ließen ihn kalt. Zweitens stand Willi einer weltweiten und mächtigen Organisation vor, der »Internationalen Arbeiterhilfe« (IAH), in der Parteisprache als der »Münzenberg-Konzern « bekannt. Die IAH wurde von Moskau aus als autonome Organisation geleitet und unterstand nicht der Kontrolle
der örtlichen kommunistischen Parteien.

Willi erfreute sich daher eines größeren Maßes an Unabhängigkeit auf internationalem Gebiet als irgendein anderer Kominternführer. Ungestört von der lähmenden Kontrolle der Parteibürokratie
konnten die Zeitungen, Zeitschriften, Film- und Theaterproduktionen des Münzenberg-Konzerns einfallsreiche Propagandamethoden anwenden, die in schroffem Gegensatz standen zu der pedantischen,
sektiererischen Sprache der offiziellen Parteipresse. Willis Erfolge, seine unorthodoxe Einstellung, seine
kaum verhehlte Verachtung für Schmeichelei und Haarspalterei brachten ihm die tief wurzelnde Feindschaft der Parteibürokratie ein. Willi hatte seinen berühmten Konzern im September 1921 in Berlin gegründet. In seiner Jugend, nach den in der Schuhfabrik verbrachten Jahren, war er in die Schweiz ausgewandert und hatte dort als Verkäufer in einer Apotheke gearbeitet. Im Ersten Weltkrieg, in Zürich, war er in den Kreis von Lenin und anderen exilierten Bolschewiken geraten. 1917 wurde er aus der Schweiz ausgewiesen, ging nach Deutschland zurück, trat dem revolutionären Spartakusbund bei und wurde 1919 eines der Gründungsmitglieder der aus dem Spartakusbund hervorgegangenen deutschen kommunistischen Partei. Seine ersten propagandistischen Aktionen richteten sich an junge Burschen und Mädchen; 1920, als die Kommunistische Jugendinternationale in Moskau gegründet wurde, wählte man Willi zu ihrem Präsidenten.

Nie waren so viele und so hübsche junge Mädchen in politischen Demonstrationszügen mitmarschiert wie
während Willis Präsidentschaft. Ein Jahr später, während der großen Hungersnot in Russland, die auf den Bürgerkrieg folgte, richtete der dritte Kongress der Komintern einen Appell um Hilfe an die Arbeiter und die Freunde des Sozialismus in der ganzen Welt. Auf diesen Hilferuf folgte die Gründung der IAH, mit Münzenberg als ihrem Leiter. Sie war sofort sehr erfolgreich, wenn auch nicht ganz auf die ursprünglich geplante Art. Den von der Hungersnot Betroffenen zu helfen war ihre ursprüngliche Aufgabe, und in den ersten zwei Jahren sammelte die IAH etwa fünfzig Schiffsladungen aller Art, von Medikamenten bis zu Lastwagen und Nähmaschinen, und schickte sie nach Russland.

Das Quantum und die Verschiedenartigkeit dieser Dinge konnten einem hungernden Land von der Größe Russlands wenig helfen, ihr indirekter Propagandawert war aber unschätzbar. Münzenberg hatte eine neue Technik der Massenpropaganda erfunden, die sich auf eine einfache Beobachtung stützte: wenn
jemand für eine gute Sache Geld hergibt, wird er gefühlsmäßig in diese Sache hineingezogen. Je größer das Opfer, umso stärker wird das Band; vorausgesetzt natürlich, dass die gute Sache, für die man
das Opfer bringen soll, einem auf eine lebendige und fantasievolle Art vorgeführt wird – und das war Willis Spezialität. Zum Beispiel bat er die Arbeiter nicht um wohltätige Gaben; er bat sie, einen Tageslohn zu stiften, »als ein Akt der Solidarität mit dem russischen Volk«. »Solidarität «, nicht »Wohltätigkeit«, wurde das Schlüsselwort dieses Feldzuges und das entscheidende Schlagwort für die IAH. Spender erhielten IAH-Marken, Abzeichen, Orden, Bilder vom Leben in der UdSSR, Büsten von Marx und Lenin – und jede Gabe schmiedete sie enger an die Bewegung.

Willi hatte die Technik gefunden, die er später bei der Gründung des »Hilfskomitees für die Opfer des deutschen Faschismus« verwenden sollte und ebenso bei seinen verschiedenen chinesischen, spanischen und sonstigen Propagandafeldzügen:Wohltätigkeit als Grundlage politischer Aktion. Die »Internationale Arbeiterhilfe«, genau wie ihre Nachfolgerin, das »Hilfskomitee«, wuchs bald in Unternehmen hinein, die wenig oder nichts mit dem ursprünglichen philanthropischen Zweck zu tun hatten. Die fahrenden Kantinen und Suppenküchen, welche die IAH für das hungernde Russland organisiert hatte, erschienen in den darauffolgenden Jahren in den Arbeiterwohnvierteln von Ländern, in denen soziale Unruhe
herrschte: im Deutschland der Inflationsjahre, in Japan während der Streiks im Jahre 1925, in England während des Generalstreiks 1926.

Aus den Pamphleten, die zu dem Hilfsfeldzug aufriefen, erwuchsen eigene Verlage des Konzerns, seine Buchklubs und eine Unzahl von Zeitschriften und Zeitungen. 1926 besaß Willi in Deutschland zwei Tageszeitungen mit riesigen Auflagen, Berlin am Morgen und die Welt am Abend; ferner die Arbeiter-Illustrierte, eine Wochenzeitschrift mit einer Auflage von einer Million, und eine Reihe anderer
Publikationen, einschließlich technischer Zeitschriften für Photographen, Radioamateure und so weiter – alle mit getarnter kommunistischer Tendenz.

In Japan, um ein fernes Land als Beispiel anzuführen, kontrollierte der Konzern unmittelbar oder mittelbar 19 Zeitschriften und Zeitungen. Er finanzierte auch kommunistische Avantgarde-Theaterstücke, die damals sehr in Mode waren. Und endlich war der Konzern auch noch verantwortlich
für einige der besten russischen Filme, deren Regisseure Eisenstein und Pudowkin waren und die von MESCHRABPOM-Film (russische Abkürzung für »Internationale Arbeiterhilfe«) hergestellt wurden.
Innerhalb von ein paar Jahren war der Münzenberg-Konzern von Suppenküchen für hungernde Kinder bis zur Premiere von »Sturm über Asien« vorgeschritten. Ruth Fischer hat darauf hingewiesen, dass
Münzenberg der ursprüngliche Erfinder einer neuen Art von kommunistischer Organisation war, der »getarnten Front«, und der Entdecker einer neuen Art von Verbündeten: des liberalen Sympathisierenden und des fortschrittlichen Mitläufers: »Der Erfolg, mit dem in diesen Jahren die
kommunistische Parteilinie unter Sozialdemokraten und Liberalen propagiert wurde, die Herausgabe von »Ce Soir« in Paris und P. M. in New York, die Tausende von Malern, Schriftstellern, Ärzten,
Rechtsanwälten und Sängern, die ein Potpourri der Generallinie anstimmten – all das hatte seinen Ursprung in Willi Münzenbergs ›Internationaler Arbeiterhilfe‹.«

Die offiziellen Parteibürokraten hassten nicht nur Willi; seine als »Münzenberg-Leute« abgestempelten Mitarbeiter waren ebenfalls in Ungnade. Dieser Druck von außen schmiedete die Menschen um Willi zu einer intimen Clique zusammen, einer Art Partei innerhalb der Partei. Die Atmosphäre im Kreise der
Münzenberg-Leute war eine merkwürdige Mischung aus revolutionärer Kameradschaft und den Eifersüchteleien unter den Höflingen eines wohlwollenden Despoten.

Wie es in der deutschen Partei üblich war, sprach jeder Angestellte einschließlich der Putzfrau und des Chauffeurs (die ebenfalls emigrierte Parteimitglieder waren) den Chef mit »Willi« und »du« an. Die
Umgangsformen waren zwanglos, theoretisch gab es keine Unterschiede des Rangs und der Seniorität, und alle einschließlich Willi hatten – theoretisch – dasselbe Gehalt: das »Parteimaximum« von 1500 französischen Franc im Monat. In Wirklichkeit waren die Gehälter natürlich durch Spesenrechnungen abgestuft, und die Machthierarchie war genauso vollkommen wie in jedem Ministerium oder geschäftlichen Unternehmen. Obwohl Willi Schmeicheleien unzugänglich war und jede Art von Speichelleckerei hasste, vermieden wir es vorsorglich, ihm zu widersprechen oder sein Missvergnügen zu erregen, und richteten uns ganz nach seinen Stimmungen. Und wenn Willi ins Zimmer schlenderte,
mit der Wucht eines Panzers, der durch eine Mauer bricht, suchten wir alle auf seinem Gesicht nach Zeichen von Sonnenschein oder Gewitter – genau wie es die Angestellten eines bürgerlichen Büros
tun.

Willis »innerer Kreis« bestand damals aus seiner Frau Babette Groß, seinem ersten Adjutanten Otto Katz und den »drei Musketieren« – Hans, dem Sekretär, Emil dem Chauffeur, und Jupp, dem  Leibwächter, der gleichzeitig »Mädchen für alles« war. Babette, geborene Thuring, war die Tochter einer Potsdamer Familie, und dasmerkte man auf den ersten Blick. Sie war groß, sah gut aus, mit einem noch immer schönen Gesicht, und war tüchtig auf ruhige und höfliche Weise. Man hätte annehmen sollen, dass die kühle, patrizische Babette und der untersetzte, proletarische Willi schon rein äußerlich nicht zueinander passten; es herrschte aber eine so sichtbare Harmonie zwischen ihnen, und beide hatten auf ihre unterschiedliche Art so viel Würde, dass sie den Eindruck eines ideal zueinander passenden
Paares machten.

In den wilden Zwanziger Jahren, als die Welt ihrer Eltern zerfiel, hatten Babette und ihre Schwester sich von ihren Ankern losgerissen, gerieten in radikale Bohemekreise der Inflationsjahre, traten der deutschen kommunistischen Partei bei und entschlossen sich zu wilden Ehen mit deren beiden hervorragendsten Führern: Babette mit Willi Münzenberg und ihre Schwester Greta – quecksilbrig, energisch, keck und kess – mit Heinz Neumann. Willi wurde 1940 in Frankreich ermordet, Heinz Neumann 1938 während der Säuberungsaktion in Moskau. Greta verbrachte drei Jahre Zwangsarbeit im
Sowjetkonzentrationslager von Karaganda, wurde von der GPU (Vorläuferin des KGB, Anm. d. Red.) 1940 an die Gestapo ausgeliefert und verbrachte fünf weitere Jahre im Konzentrationslager von
Ravensbrück.

Otto Katz war nach Babette die zweitwichtigste Persönlichkeit des Kreises. Otto war Willis rechte Hand und seine ideale Ergänzung; er besaß all jene Fähigkeiten, die Willi fehlten, und umgekehrt. Willi war ein Führer großen Formats, Otto ein glatter und geschickter Vermittler. Willi sah aus wie ein Schuhmachermeister in einem thüringischen Dorf – man konnte ihn sich vorstellen, wie er auf
dem niedrigen Hocker saß, mit einer Lederschürze bekleidet, und mit der Wucht eines Schmiedehammers Stifte in einen alten Schuh trieb. Otto war dunkel, geschmeidig und von einem etwas anrüchigen Charme. Er war die Art von Person, die beim Anzünden einer Zigarette immer ein Auge schließt, und das wurde ihm so sehr zur Gewohnheit, dass er beim Nachdenken oft sein linkes Auge zukniff, auch wenn er nicht dabei rauchte. Willi konnte keine einzige Sprache außer Deutsch; Otto sprach fließend Französisch, Englisch, Russisch und Tschechisch. Willi war nicht fähig, einen einzigen
zusammenhängenden Absatz zu schreiben; Otto war ein gewandter Journalist, der mehrere Bücher geschrieben oder herausgegeben hatte, alle, mit einer Ausnahme, anonym. Er stammte aus Prag,
war in Berlin geschäftlicher Leiter einer bekannten liberalen Wochenschrift – Leopold Schwarzschilds Tagebuch –, dann Direktor von Erwin Piscators kommunistischer Bühne, dann Direktor von einem der Verlage des Münzenberg-Konzerns, dann Direktor von MESCHRABPOM-Film in Moskau (wo ich ihn das erste mal traf), dann, in den Pariser Jahren, Organisator der deutschen und spanischen »Hilfskomitees«, Direktor der spanischen Nachrichtenagentur und Verteiler geheimer Propagandagelder der spanischen Regierung an französische Zeitungen und Politiker.

Er war der reisende Botschafter des unsichtbaren Willi und fuhr regelmäßig nach England und nach Hollywood, um Gelder zu sammeln und antifaschistische Komitees zu gründen. Er hatte überall politische
Beziehungen, war attraktiv für Frauen, besonders für politisierende Damen in mittleren Jahren, und benutzte sie geschickt für seine Zwecke. Es war natürlich eine von Ottos Aufgaben, Willi für den Apparat zu bespitzeln. Willi wusste das und machte sich nichts daraus. Willi brauchte Otto, nahm sich aber kaum die Mühe, seine Verachtung für ihn zu verbergen.

Als Willi 1938 mit der Komintern brach, war Otto der erste, der ihn verließ – wie jedermann erwartet hatte. Als das Schicksal 1952 Otto ereilte und er in Prag unter der absurden Anklage der britischen Spionage und zionistischen Verschwörung gehängt wurde, erhob nicht ein einziger seiner früheren Freunde, Mitarbeiter und politischen Kameraden die Stimme zu seiner Verteidigung. Trotz seiner Zweideutigkeit war Otto paradoxerweise ein recht liebenswerter Mensch. Er besaß die Großzügigkeit des Abenteurers und konnte spontan warmherzig und hilfsbereit sein – solange solche Reaktionen nicht mit seinen eigenen Interessen in Konflikt gerieten. Ich verachtete und mochte ihn gleichzeitig. Als
ich in Spanien im Gefängnis war, inszenierte er eine internationale Kampagne für meine Befreiung, die in keinem Verhältnis zu meiner Bedeutung für die Partei stand. Bei meiner Rückkehr aus dem Gefängnis stand er am Gare du Nord mit einem Riesenblumenstrauß, und wenigstens bei dieser Gelegenheit umarmten wir uns mit wirklich brüderlicher Wärme. Es war Otto, der voll bekümmerter Sympathie jene Bemerkung machte, die ich nie vergessen habe und die ich bereits zitierte: »Wir alle haben Minderwertigkeitskomplexe verschiedenen Umfangs, aber der deinige ist kein Komplex – er ist eine Kathedrale.«

Am 18. Juli 1936 begann General Franco seinen Aufstand. Ich arbeitete damals an der Fortsetzung des Braven Soldaten Schwejk in Breedene, einem Dorf am Meer in der Nähe von Ostende. Der von Willi Münzenberg auf das Buch bezahlte Vorschuss erlaubte mir, zwei Monate in dem flämischen Badeort zu leben, wo es billiger war als in Paris und wo sich eine ganze Kolonie deutscher Emigrantenschriftsteller angesammelt hatte, unter ihnen Joseph Roth, Irmgard Keun und Egon Erwin Kisch. Nach einer Woche wurde es deutlich, dass Francos Staatsstreich zu einem langen Bürgerkrieg mit europäischen Komplikationen führen musste. Spanien war das erste europäische Land, in dem die neue Kominternlinie der Volksfront erprobt worden war und zu einem überwältigenden Sieg der Linkskoalition geführt
hatte; es war auch das erste Land, in dem Arbeiter und liberales Bürgertum gemeinsam zu den Waffen griffen, um einen faschistischen Versuch zur Machtergreifung abzuwehren.

Von Anfang an handelte es sich hier um einen symbolischen Kampf. Vierzehn Tage nach Beginn des spanischen Krieges fuhr ich nach Paris zurück, um Willi Münzenberg zu treffen. Seit der Gründung der Volksfront hatten sich Willis Unternehmungen mächtig vermehrt. Pausenlos rief er internationale
Kongresse, Versammlungen und Komitees ins Leben. Darunter gab es einen »Schriftstellerkongress zur Verteidigung der Kultur«, ein »Komitee für Wachsamkeit und demokratische Kontrolle« und die
erfolgreichste aller dieser Gründungen, das sogenannte »Amsterdamer Friedenskomitee gegen Krieg und Faschismus« – ein Vorläufer des »Stockholmer Friedensappells «. Die Rolle Pablo Picassos wurde
damals von dem ebenso arglosen Henri Barbusse gespielt. Barbusses pazifistischer Roman »Le Feu« war ein Vorläufer von Picassos Taube; und sein Buch über Terror, »Faits Divers«, der Vorläufer von Picassos Guernica. Es war die Hauptaufgabe des »Friedenskomitees«, Aufrüstung gegen Nazideutschland zu fordern und den Pazifismus der britischen Labour Party zu bekämpfen – der von einer rivalisierenden
»Friedensoffensive« der Nazis ausgeschlachtet wurde.

In seiner Eigenschaft als Chef der Westeuropäischen Agitprop-Abteilung der Komintern war Willi jetzt Leiter des Propagandafeldzugs zugunsten der spanischen rechtmäßigen Regierung. Er hatte gerade ein »Hilfskomitee für das Republikanische Spanien« und einen »Spanischen Milchfonds « gegründet – in Nachahmung des »Hilfskomitees für Naziopfer« und unter Verwendung einer philanthropischen Tarnung
für politische Aktion. Bald sollte dem »Komitee zur Untersuchung der Hintergründe des Reichstagsbrandprozesses« der »Untersuchungsausschuss für Verstöße gegen das Nichteinmischungsabkommen über Spanien« folgen, dessen öffentliche Verhöre den Reichstagsbrand-Gegenprozess zum Vorbild nahmen. Willi brachte Komitees zustande, wie ein Zauberkünstler Kaninchen aus einem Hut zieht; seine Genialität bestand in der einzigartigen Kombination eines Jahrmarktgauklers
mit der wahren Hingabe eines Kreuzritters.

In den letzten Monaten des Jahres 1936 schrieb jeder von uns (Otto Katz und Arthur Koestler, Anm.d.Red.) ein Propagandabuch über Spanien – die Bücher sollten sich gegenseitig ergänzen. Beide wurden von Willis Editions du Carrefour in Deutsch und Französisch und von Viktor Gollancz’ Left Book Club in London veröffentlicht. Ottos Buch handelte ausschließlich von der Rolle Nazideutschlands bei der Vorbereitung und Anstiftung von Francos Rebellion. Meines begann mit meiner Reise in das Hauptquartier der Rebellen und gab einen Überblick über den historischen Hintergrund des Krieges sowie die Geschichte der ersten Kriegsmonate. Der Titel der zuerst erschienenen deutschen Ausgabe war ein Einfall Ottos: Menschenopfer unerhört. Dagegen schlug ich als Titel für Ottos Buch vor: »Spione und Verschwörer in Spanien«.

Willi wollte die Bücher so schnell wie möglich herausbringen. Er pflegte zu mir in die Wohnung gestürzt zu kommen – was er früher nie getan hatte –, um zu sehen, wie ich mit der Arbeit weiterkam. Der spanische Krieg war für ihn, genau wie für uns alle, zu einer persönlichen Besessenheit geworden. Er pflegte ein paar Blätter des getippten Manuskripts herauszuziehen, sie zu überfliegen und mir zuzurufen: »Zu schwach, zu objektiv. Hau ihnen auf den Kopf. Hau sie fester! Sag der Welt, dass sie mit Tanks über
die Gefangenen fahren, sie mit Benzin übergießen und lebendig verbrennen. Mach, dass die Welt vor Entsetzen das Maul aufreißt. Hämmere es in die Köpfe! Sorg dafür, dass sie aufwachen …« Er hämmerte dazu mit den Fäusten auf den Tisch. Ich hatte Willi noch nie in einem solchen Zustand gesehen. Er glaubte an Greuelpropaganda. Das erste Braunbuch war dank seiner grauenerregenden Enthüllungen eine internationale Sensation gewesen, und er wollte, dass ich jetzt das gleiche Rezept benützte.

Ich diskutierte mit ihm, wies darauf hin, dass der Hitlerterror einseitig sei, während sich in einem Kriege die gegenseitigen Greuel beider Parteien ausglichen. Aber es war schwer, mit Willi zu debattieren.
Er bestand darauf, dem Buch einen Anhang von Greuelphotographien in Glanzdruck beizufügen. Die Photographien zeigten die zerfetzten kleinen Leichen nach dem Luftangriff auf das Kinderheim
in Getafe, jede nahm eine Seite für sich ein. Sie zeigten die verkohlten Leichen von Gefangenen, die man angeblich lebendig verbrannt hatte, und die zerstückelte Leiche eines gefangenen republikanischen
Piloten, die ein Francoflugzeug in einem Paket, das mit dem Namen des Piloten auf dem Etikett versehen
war, hinter der Frontlinie abgeworfen hatte. Sie zeigten Zivilgefangene, mit einem Strick aneinander gebunden, auf dem Weg zur Exekution, und die nächste Photographie zeigte den Akt der Erschießung.
Als ich selbst ein paar Wochen später gefangen genommen wurde, sah ich diese Bilder ständig vor meinen geistigen Augen.

Wenn ich noch Skrupel hatte, so wurden die durch die Skrupellosigkeit von Francos Propaganda verdrängt. In England und Frankreich stützte sich seine Propaganda auf die abgedroschene Behauptung,
der Aufstand sei gerade rechtzeitig ausgebrochen, um eine kommunistische Revolution zu verhindern. In
Deutschland dagegen hielt man sich an die Linie, die spanische Regierung habe selbst den Bürgerkrieg ohne jede Provokation durch eine Beschießung der Kasernen in Madrid begonnen. Mit der Ungeheuerlichkeit dieser Lügen verglichen, war unsere Propaganda in der ersten Zeit des Krieges relativ ehrlich. Was mich erstaunte, war nicht nur die Bösartigkeit von Francos Propaganda, sondern der Abgrund von Unwissenheitund Dummheit, den sie verriet. Die Widersprüche der feindlichen Propaganda
aufzuzeigen war eine Aufgabe, die mir Spaß machte und die ich für wirkungsvoller hielt als die Aufzählung von Gräueltaten.

Willi war entgegengesetzter Meinung, und was das Gebiet der Massenpropaganda anlangte, hatte er natürlich recht. »Diskutier nicht mit ihnen«, sagte er mir immer wieder. »Mach sie zum Gestank der Welt. Mach, dass die Menschen sie verfluchen und sich vor Entsetzen schütteln.« Und er zeigte mir einen Ausschnitt aus der Nazizeitung »Berliner Nachtausgabe« vom 4. November, in dem stand: »… Die Rote Miliz gibt Gutscheine im Wert von einer Pesete aus. Jeder Gutschein gilt für eine Vergewaltigung. Die
Witwe eines hohen Beamten wurde tot in ihrer Wohnung vorgefunden. Neben ihrem Bett lagen vierundsechzig dieser Gutscheine …«

»Das, Arturo, ist Propaganda«, sagte Willi. Am wütendsten machte uns, dass Franco, wie Hitler vor ihm, behauptete, er habe seinen Aufstand gerade zur richtigen Zeit begonnen, um einer Revolution von unserer Seite zuvorzukommen. Da wir offen Revolution predigten, hatten wir keinen Grund, über diese Behauptung empört zu sein, außer dem einen technischen, dass wir gerade in Spanien zu jener Zeit keine Revolution geplant hatten. Ich nehme an, ein Berufseinbrecher würde genauso empört sein, klagte man ihn eines Einbruchs an, den er zufällig nicht begangen hat. Außerdem war es demütigend, als unfreiwillige Hebamme bei der Geburt einer faschistischen Diktatur nach der anderen herzuhalten.

Willis Stellung war bereits sehr geschwächt. Moskau hatte ihn zu »Besprechungen« zurückgerufen. Willi, der wusste, was das hieß, verschob die Fahrt unter den verschiedensten Vorwänden, undOtto, der all die Jahre Willi für den Apparat bespitzelt hatte, begann schrittweise seine Funktionen zu übernehmen.
Er verriet seinen Chef und Wohltäter, wie wir alle, einschließlich Willi, es seit Jahren vorausgesehen hatten.

Im Herbst 1938 wurde ich Redakteur einer deutschen Wochenschrift in Paris, deren Herausgeber Willi Münzenberg war; sie hieß »Die Zukunft«. Durch seine Weigerung, dem Ruf nach Moskau zu folgen, hatte auch Willi endgültig mit der Komintern gebrochen. Das von ihm aufgebaute, weltumspannende Unternehmen wurde von der Parteibürokratie übernommen und zerfiel bald darauf. Willi brauchte ein neues Betätigungsfeld für seine unerschöpfliche Energie – daher »Die Zukunft«. Es sollte eine
unabhängige deutschsprachige Wochenschrift sein, Propaganda gegen die Nazis machen, sich für ein Rapprochement (Annäherung Anm. d. Red.) der verschiedenen Emigrantengruppen einsetzten
und ein Programm für die Zeit nach dem Zusammenbruch des Naziregimes ausarbeiten.

Wir hatten einen guten Beginn, mit Originalbeiträgen von Thomas Mann, Sigmund Freud, Harold Nicolson, Duff Cooper, Norman Angel, E. M. Forster, Aldous Huxley und anderen. An der Planung
einer Politik auf weite Sicht, für die Zeit nach Hitler, arbeitete ein redaktionelles Komitee, bestehend aus Manès Sperber, der damals ebenfalls die Partei schon verlassen hatte, Paul Sering (Richard Löwenthals Schriftstellername), der jetzt dem Redaktionsstab des Londoner »Observer« angehört, dem Soziologen
Julius Steinberg, Willi und mir. Redakteur der literarischen Beilage war Ludwig Marcuse.

Nach ein paar Monaten aber wurde die Zeitschrift schal, wie es früher oder später fast allen Emigrantenzeitungen ergeht, weil sie von ihrem eigenen Land abgeschnitten sind und keinen wirklichen Kontakt mit dem Exilland haben. Solange ich an der Zeitschrift arbeitete, konnte ich an »Sonnenfinsternis« nur nachts weiterschreiben, und da ich den Krieg nähergekommen fühlte, wollte ich mich, solange das noch möglich war, völlig auf das Buch konzentrieren. Um Weihnachten herumtrat ich von meinem Redaktionsposten zurück, blieb aber Mitglied des »Planungskomitees « und freier Mitarbeiter.

Die Zukunft, redigiert von Werner Thorman, einem Mitglied der Zentrumspartei, erschien bis Ende 1939 oder Anfang 1940 – bis der größte Teil der Redaktionsmitglieder in Internierungslager gesteckt wurde und die Zeitschrift eingestellt werden musste. Sie war von Anfang an eine totgeborene Idee, ich bedaure
aber meine Mitarbeit nicht; in den ersten Monaten nach dem Bruch mit der Partei brauchte ich eine Tätigkeit und Kameradschaft mit Gleichgesinnten. Die Arbeit an der Zeitschrift brachte mich auch
mit Willi kurz vor seinem Tode noch in engeren Kontakt und war der Beginn einer engen Freundschaft mit Manès Sperber, in dem ich, seitdem er die Partei verlassen hatte, eine seltene Mischung aus
Klarheit, Wärme, Humor und durchdringendem analytischen Scharfblick hinter einer etwas autoritären Fassade entdeckt hatte. Wir alle gingen durch die kritische Periode nach dem Bruch wie Rekonvaleszenten, die nach einer Operation wieder gehen lernen. Sperber und ich hatten es leichter, unseren Weg zu finden, als Willi; dessen ganzes Leben, von den Tagen seiner Jugend in der Schuhfabrik in Erfurt an, die Partei und nichts als die Partei gewesen war. Trotzdem habe ich von ihm nie ein Wort der Klage über die ihm von der Partei widerfahrene Behandlung gehört. Die wirkliche Prüfung für die
menschliche Größe eines Politikers kommt erst nach seinem Sturz. Ihrer eindrucksvollen Schreibtische, Sekretärinnen, Bewunderer und sonstigen Wahrzeichen von Rang und Stellung verlustig, erschienen mir all die ehemaligen Kabinettsminister und Exzellenzen, denen ich in den Ländern des Exils begegnet bin, wie fröstelnde alte Männer in einem türkischen Bad. Willi war eine der seltenen Ausnahmen. Seine persönliche Magie, seine Autorität und Tatkraft blieben bis zum Ende unverändert.

Das Ende kam für Willi im Sommer 1940. Französische Politiker hatten ihn davor beschützt, wie alle anderen deutschen Emigranten beim Ausbruch des Krieges interniert zu werden. Erst ein paar Tage vor dem Fall von Paris wurde er in ein Internierungslager in Mittelfrankreich gebracht. Der französische Kommandant des Lagers wusste, dass die Insassen politische Flüchtlinge waren und was sie von den Nazis zu erwarten hatten; als die deutsche Armee näher rückte, öffnete er daher die Tore und wünschte
ihnen Glück. Die Internierten glaubten, kleine Gruppen oder einzelne könnten sich am ehesten nach der Schweiz oder dem unbesetzten Süden Frankreichs durchschlagen. Willi, in Gesellschaft zweier
junger Männer, die sich ihm im Lager angeschlossen hatten, wurde zuletzt auf einer nach Osten führenden Landstraße gesehen. Die jungen Männer waren in Emigrantenkreisen unbekannt und angeblich Mitglieder der deutschen Sozialdemokratischen Partei. Ein paar Tage später fand man Willis Leiche in einem Wald nahe bei Grenoble an einem Baum hängend. Das Gesicht zeigte Spuren von
Gewalttätigkeit. Die Position des Astes, an dem der Strick befestigt war, schloss Selbstmord aus. Weder deutsche noch französische Truppen waren durch die Gegend gekommen. Von den beiden jungen
Männern hat man nie wieder etwas gehört. Es erscheint erstaunlich, dass ein Mann von Willis Erfahrung in die Falle gegangen sein soll. Aber Trotzki, Kriwitskij, Ignatz Reiß und andere Opfer der GPU waren
nicht minder erfahrene Männer und sind früher oder später ebenfalls in die Falle gegangen. Der Grund ist einfach – kein Mensch kann ohne ein Minimum an Vertrauen zu Freunden leben. Altmodische
Mörder benutzten Frauen als Lockvögel. Die moderne Morddialektik der GPU gründet sich auf das psychologische Wissen, dass ein einsamer Mann allen Versuchungen widerstehen kann – mit Ausnahme des unstillbaren Verlangens nach Freundschaft.

Gekürzte Auszüge aus Arthur Koestler: »Frühe Empörung« und »Abschaum der Erde«, Verlag Fritz Molden

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